Donnerstag, 1. August 2024

August

 




Oh, was für ein braver und aufmerksamer Hund. 

Könnte man denken. Natürlich ist Cleo überwiegend brav und aufmerksam. Die Situation auf diesem Foto ist allerdings etwas anders gelagert. Fotogen kommt sie rüber, das kann sie gut, Greta Garbo in der Kudde. Aber ihre Intension ist das hier nicht. Sie beabsichtigt vielmehr zu gewinnen, den "ewigen Kampf" zwischen Mensch und Hund. Es geht um Forderungen, um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse um jeden Preis. In der Küche steht ein Napf, Cleo´s Napf, gefüllt mit einer Barfportion: Rind mager, Innereien, büschen Pansen, Entenrücken gewolft, Löffel Lachsöl, eine Kinderhandvoll Kohlrabi geschreddert. Diese köstliche Mahlzeit braucht noch etwas Zeit zum Warmwerden, paar Minuten für die bessere Bekömmlichkeit. Ob Hunde ein präzises Zeitempfinden haben, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, wer könnte das schon. Eine Uhr hat sie jedenfalls nicht, das ist sicher. Aber diese paar Minuten sind ihr ein paar Minuten zuviel, sie empfindet das als einen Angriff auf ihre Selbstbestimmung. Hunde haben keine Daumen, und ohne Daumen ist es nur schwerlich möglich, einen Napf vom Tisch zu nehmen. Was bleibt ihr übrig? Druck ausüben, psychischen Druck. Nun kann sie mich weder entlassen bzw. die Rente kürzen, noch der Wohnung verweisen, das wäre natürlich kontraproduktiv, sie weiß das. Nein, sie geht auf die Schiene der Ethik, der Moral. Sie aberkennt mir jegliches Vorhandensein einer Empathie, stopft mich dreist in die Schublade eines gefühllosen Menschen, eines Sadisten, eines machtbessenen Autokraten. Sie stellt mich in Frage, von Kopf bis Fuß. Sie droht mir mit Verachtung. Wenige Minuten können nicht nur zwischen Leben und Tod entscheiden, nein, auch zwischen der Zuneigung eines Hundes oder dessen Antipathie auf ewig. Es steht also viel auf dem Spiel, sehr viel. Unter anderem meine Selbstachtung. Gewinnt sie, und ich tapse jetzt gegen das Kriterium meiner eigenen Vernunft bezüglich der besseren Bekömmlichkeit in die Küche und stelle ihr den noch kühlen Napf vor die Nase, dann kann ich alle Spiegel der Wohnung mit schwarzer Folie bekleben. Gewinne ich, halte noch fünf Minuten standhaft durch, praktiziere das von den Gurus der Hundeerziehung so favorisierte Ignorieren unter den Qualen der inneren Zerrissenheit wie seit dem Tag meiner Einschulung nicht mehr, dann habe ich eine Freundin verloren, vermutlich die beste. Es ist alles wirklich nicht so einfach ...






 Was ist eigentlich ein Schaufensterbummel? Man bummelt an Schaufenstern lang, kuckt durch die Scheibe, drückt sich wenn nötig die Nase platt. Ist schon klar. Warum macht man einen Schaufensterbummel? Ein echter Bummel ist absichtslos. Man will nichts gezielt kaufen, weil´s gebraucht wird oder nicht, einfach nur so. Aus Langeweile oder Informationsdrang? Will man sich auf den neuesten Stand feilgebotener Waren bringen? Oder hängt man schon längst im Hamsterrad der Kauffreude fest, kommt da nicht mehr raus? Welches Licht wirft der Schaufensterbummel auf die Persönlichkeit des Bummlers? Und ich, weiß ich, was ich da tue?

Wenn wir gut in der Zeit liegen, dann schlender ich mit Cleo die Weser lang, mit dem Ziel: Seelachs bei Bodes kaufen. Und natürlich ´ne Fischfrikadelle für den Hund, sonst bleibt sie vorm Laden sitzen wie angedübelt. Um zu Bodes zu kommen müssen wir kurz über den Marktplatz, am Rathaus und Dom und Manufactum vorbei. Vorher führt der Weg durch die Böttcherstraße, einem Gesamtkunstwerk, von 1922 bis 1931 erbaut, von Ludwig Roselius gesponsert. Heute Bremens schönste Touristengasse, viele Schaufenster, gut frequentiert. Manchmal fotografiere ich das eine oder andere Schaufenster. Oder bummel ich schon?

Mein Steuerberater und Freund HF hat sich intensiv mit dem Buddhismus beschäftigt, wohl in der Absicht, sich den kleinen und großen Irrsinn des Lebens irgendwie büschen vom Hals halten zu können. Jeder von uns versucht ja seine Statik zu finden, und ich denke, ihm issis ganz gut gelungen. Man sollte nicht bewerten, sagt er, nichts und niemand, am besten nicht mal sich selbst. Man konstatiert, nimmt zur Kenntniss, aha, und weiter geht’s fröhlich durch den Tag. Nicht einfach umzusetzen, aber sicherlich eine erfolgsversprechende Idee, ein sinnvoller Ansatz auf seinem Weg in die Grube, bestimmt.

Und was ist nun vom Schaufensterbummeln zu halten? Blöde Frage ...





Heute Nachmittag weht schwacher bis mäßiger Wind bei 25 Grad, so die Vorhersage. Wir ham unseren Gang allerdings schon gemacht, anner Weser lang, man darf auch mal etwas schlapper sein. Morgen erobern wir dann wieder die Welt, bei Regen findet die Revolution im Saale statt.





Gestern 28 Grad, heute werden´s wohl satte 30, auch gut. Uns schaffen die nicht!



Das Becken läuft gut. Die Pflanzen wachsen wie irre. Wenn wir nicht alle anderthalb Wochen kultivierend eingreifen würden, dann wäre das Aquarium in vier Wochen zugewuchert und die Fische hätten keinen Schwimmraum mehr ...





Letzte Woche war´n wir wieder mal in Hannover, beim "Fischverkäufer" unserer Wahl, und haben das bestellte Zwergbuntbarschpärchen abgeholt. Sind noch ziemlich jung und klein, die Apistogramma borellii opal, aber schon gut in Farbe und sooo niedlich.




Eine Orange-rote Posthornschnecke ist auch noch mit nach Bremen gekommen. (Nachtrag: Schnecke leider verstorben, unser Wasser ist wohl doch zu weich und sauer für einige Schnecken)



Und wir haben wieder Nachwuchs. Getreu dem Motto: Einer kam durch, entdeckten wir neulich einen winzigkleinen Schwarzen Neon. Den peppeln wir jetzt gezielt mit Micro Granulat und er nimmt auch schon größere Häppchen an. (Nachtrag: Es könnte auch ein kleiner Brilliantsalmler sein, für eine eindeutige Idendifikation für uns noch zu winzig)






Gestern nach Bassum zum Barfladen gefahren, Großeinkauf. Ich grabbel Cleo´s Fresschen ja immer mit den Fingern nochmal durch, könnte theoretisch was drin sein, was nicht drin sein sollte. Und tatsächlich finde ich ab und an das eine oder andere spitze Stückchen Röhrenknochen vom gewolften Entenrücken. Das gefällt mir nicht, mag übertrieben sein, ist aber so. Wechseln wir also den Calciumlieferanten: Sie bekommt jetzt das gute Lammknochenmus, täglich 30 Gramm für einen 25 kg schweren Hund, gut gut.

Vor dem Besuch im Laden machen wir die Runde durch das Bradenholz, das ist Tradition, anderthalb Stunden im Zauberwald. Kaum Leute unterwegs, Naturwald fast ohne das Reingefummel durch den Menschen, sehr viel Unterholz zwischen den Stämmen und überall Moose, leuchtend grüne Teppichen, pittoresk gewachsen, malerischer Anblick. Und gestern nun war ein besonderer Tag. Der erste Herbsttag des Jahres. Nein, nein, nicht nur ein etwas kühlerer bewölkter Sommertag, ein wirklicher Herbsttag, durch und durch. Vorfreude stellte sich und zwar ein. Schön, aber man muss ja eh nehmen was kommt, natürlich.


Der Sommer war sehr groß.
Leg´ deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
 (Rilke)









Montag, 1. Juli 2024

Juli

 



Kein schlechtes Wetter, es regnet nur viel, eigentlich immer ...


Mittwoch, halb 6, Cleo döst noch auf´m Sofa, der erste Becher Kaffee ist meinem Organismus zugeführt worden, meine Gattin ist auf dem Weg zur Arbeit, eigentlich muss sie nicht mehr, alte Gewohnheiten langsam ausschleichen. Im Aquarium noch kein Licht, der digitale Beleuchtungsmanager schaltet gegen viertelvorsieben die Morgendämmerung an. Ich beginne, mir die Statik für den Tag zu basteln. Wir hatten Probleme mit einigen Pflanzen auf der Fensterbank, Südfenster, die Sonne schadet, früher war alles besser ...
Was tun? Die Jalousie geht hinter den Pflanzen runter, bringt hier nix. Man bräuchte was direkt an der Scheibe. Ein Plissee, nach Maß, ohne Bohren, halbtransparent, beschichtet. Natürlich nicht über die volle Höhe, 40 cm hoch und von unten nach oben verschiebbar. Gibt´s das? Logo, es gibt alles auf dieser Welt, ausser Frieden und Menschlichkeit, und Gerechtigkeit, und Brüderlichkeit. Man hat dann allerdings die Konstruktion am Fenster und teuer issis auch. Was käme noch in Betracht? Folie. Sonnenschutzfolie mit UV-Abschirmung. Kannste aber nicht einfach ein Stückchen an den unteren Teil des Fensters anpappen. Wenn, dann über die ganze Fläche, sonst können die Temperaturunterschiede auf der Scheibe zum Glasbruch führen. Und nicht nur das. Bei Doppelverglasung mit Beschichtung nach 1995 gebaut, ist die Folie nur von aussen anzuwenden. Klebt man die an die Fensterinnenseite, staut sich die Wärme zwischen den beiden Scheiben und Glasbruch droht, wieder mal. Schließlich wäre da noch die Durchsichtigkeit. Je höher die UV-Filterung, umso abdunkelnder die Folie. Selbst die moderate, transparente Version läßt kein Licht zu 100 Prozent durch. Will man das? Gute Frage. Was will man eigentlich? Harmonie, Ruhe, gelassenen Frohsinn. Ist diese Erwartung ans Leben zu hoch gegriffen? Allerdings. Jetzt noch´n Kaffee, dann geht´s los, die Welt da draussen wartet auf mich.





Zuerst sah´s nach Regen aus, bewölkt und etwas frischer. Als wird dann unterwegs war´n, da wurd´s recht warm und schwül. Back home nahm sich Cleo die unterste Möglichkeit der kühlenden Fliesen, da standen uns noch 48 Stufen bevor. Ham wir natürlich geschafft.
Ganz im Gegensatz zur National Elf. Die hat´s natürlich wieder mal nicht geschafft. Obwohl sie erkennbar besser auf den Beinen war als seit Jahren, den Löw Jahren. Eigentlich waren sie ziemlich gut, machten Freude. Umso frustrierender das Ende im Achtelfinale gegen Spanien. In den letzten Minuten der Verlängerung brach sich der Glaube seine Bahn. Da waren die Jungs offensichtlich der Meinung, Gott hätte sich längst für´s Elfmeterschiessen entschieden. Da bräuchte man nicht mehr so aufzupassen, sich nicht mehr so zu konzentrieren, da könne einem ja nix mehr passieren. Und dann ließen sie, Mann um Mann, die Spanier in ihren Strafraum, ließen sie vor dem Tor rumwurschteln und verloren in den letzten Sekunden das Spiel. Obwohl sie mindestens ebenbürtig waren, verdient hätten gewinnen können. Aber nein, aus die Maus, wieder mal die eigene Erwartung und die Hoffnung des Fußballvolkes bestialisch enttäuscht. In was für einer Gurkenfabrik lebe ich hier eigentlich? Und damit will ich nix Schlechtes über den Kanzler gesagt haben.




Wir hatten uns gestern ein Buch bestellt, telefonisch, im Findorffer Bücherfenster. Einer der wenigen überlebenden kleinen Buchläden, Tante Emma für Bücher, sehr erhaltenswert. Normalerweise bekommt man sein bestelltes Buch am nächsten Tag ab 9 Uhr. Schneller ist nicht mal Amazon. Vorhin hab´ ich mich mit Cleo auf den Weg gemacht, zu Fuß, keine 20 Minuten. Warm war´s, schwül war´s. Leider hatte der Buchbote alle gestern bestellten Bücher nach Duisburg geschafft, schaffen lassen, sowas kann passieren, nicht schlimm. Also wackeln wir morgen nochmal hin. Nee, morgen komm´ ich da mit dem Auto sowieso vorbei, wir wackeln nicht. Auf alle Fälle hol´ ich "Vicki Baum - Es war alles ganz anders", scheint ein interessantes Buch zu sein. Jetzt muss ich noch was essen. Nudeln? Oder rustikales Brot mit Mozzarella, Tomate, paar Basilikumblätter, Olivenöl, dunkler Essig. Genau. Herr Ober, heute keine Nudeln.

Ich höre gerade durch die offene Balkontür ein ungewöhnliches Geräusch: Da übt jemand Geige. Unglaublich, in meiner multikulturlosen Straße übt ein Mensch Geige. Ist das schön. 





Das ist eine der beiden verfeindeten Gangs aus der West Side Story: die SHARKS!


Eben zufällig Jonny Cash gehört:

"I found him by the railroad track this morning,
I could see that he was nearly dead."

Das sind Lieder, die das Leben schrieb ...